Schachverein Ströbeck

Förderverein zur Wahrung und Pflege der Schachtradition




 „Die Schachpartie“ Lukas Hugensz. Van Leyden, um 1508 (Kurierspiel) 

Kurierschachbrett-Figuren aus dem 3D- Drucker

 „Die Schachpartie“ nachgestellt mit von Vereinsmitgliedern genähten Kostümen


Kurierschach

ist eine historische Schachvariante, 

die nicht auf acht mal acht Feldern, 

sondern auf zwölf mal acht Feldern gespielt wird.


Kurierspiel aus dem Schachmuseum vor dem Dachstuhlbrand (14.11.2019)

Schleich aus dem Kurierspiel (Die Aufnahme stammt noch aus dem Schachmuseum Ströbeck vor dem Brand)



Neben dem bekannten Schach wurde in Ströbeck bis Anfang des 19.Jh. das während des Mittelalters gebräuchliche Kurierschach (oder „Kurierschach“) gespielt. Die Spielregeln des Ströbecker Kurierschachs hat Gustavus Selenus in dem ersten deutschsprachigen Schachlehrbuch, das im Jahr 1616 erschien, beschrieben.

Auf dem Programm des 1. Harzer Schachkongresses zu Ströbeck von 1885 ist noch ein Wettkampf im Kurierschach ausgeschrieben. Die hier aufgeführten Regeln stammen aus diesem Programm.

 

Regeln für das Kurierschach:

Das Kurierspiel wird auf einem Brett von 12 x 8 = 96 Feldern gespielt. 

Ein schwarzes Eckfeld zur Rechten; von dort an gerechnet werden die 12 großen Figuren so aufgestellt: Roch (Elefant), Ross (Reiter), Alte (Alfil), Kurier, Mann (Rat des Königs), König, Königin (Fers), Schleich (Rat der Königin), Kurier, Alte, Ross, Roch.

In der zweiten Reihe stehen 12 Bauern


Man spielt sofort als Anzug die 4 Roch- (Turm) und die zwei Königin-Bauern zwei Schritte und lässt auch die Königin, wie nach den Ströbecker Schachregeln, im ersten Zuge ins dritte Feld springen. (Ströbecker Tabiya)



Gangart der Figuren im Überblick:




- - - - - - springende Gangart, auch über andere Figuren

---------- ziehende Gangart, kein Überspringen möglich


- - - - - - springende Gangart, auch über andere Figuren

---------- ziehende Gangart, kein Überspringen möglich

Der König zieht und schlägt wie der König nach FIDE - ein Feld in jede Richtung. Der Roch (Turm) zieht und schlägt wie der Turm nach FIDE - gerade auf Reihen und Linien. Das Ross (Springer) springt und schlägt wie der Springer nach FIDE -  immer zwei Felder waagerecht und dann ein Feld senkrecht oder umgekehrt. Der Kurierschach-Bauer zieht nach der Tabiya immer nur ein Feld vorwärts und schlägt wie üblich diagonal. Daraus folgt, dass es ein Schlagen „en passant“ nicht geben kann. 
Die besondere Art und Weise des Partiebeginns („Ströbecker Tabiya”) und die Umwandlung eines Bauern („Freudensprung“) werden später ausführlich erläutert. 

Der Mann (Geheimer Rat des Königs) zieht wie der König, also ein Feld diagonal oder gerade; er darf aber geschlagen werden. Ihm kann nicht Schach geboten werden. Der Schleich (Kurzweiliger Rat der Königin) zieht nur ein Feld gerade in alle vier Richtungen. Obwohl er zum Kurierschach gehört, moderiert der Schleich seit vielen Jahren unser Lebendschach-Ensemble und gilt sogar als sein Symbol. Die Königin zeigt wie der Bauer eine stark veränderte Zugweise. Im Vergleich zur Dame ist ihre Beweglichkeit enorm eingeschränkt: Sie kann lediglich ein Feld diagonal ziehen und gegebenenfalls schlagen. Folglich kann sie auch niemals die Farbe des Feldes wechseln. Der Kurier zieht wie der Läufer nach FIDE - diagonal beliebig weit, wobei er andere Figuren nicht überspringen darf. Der Alte (Alfil) ist eine springende Figur. Er zieht und schlägt ähnlich dem Läufer, jedoch immer nur genau zwei Felder diagonal in alle Richtungen. Er kann dabei wie das Ross andere Figuren überspringen, ohne diese zu schlagen. 

Im Übrigen sind die Ströbecker Schachregeln maßgebend.

Ströbecker Schachregeln:

1. Jeder Spieler hat in der rechten unteren Ecke ein schwarzes Feld.

2. In der Ausgangsstellung rücken jeweils die Randbauern, die Königin Bauern und die Königin zwei Felder vor (Ströbecker Tabiya).

3. Alle Bauern dürfen während des Spiels nur einen Schritt nach vorn gesetzt werden, wodurch es auch kein Schlagen im Vorübergehen gibt.

4. Eine Rochade findet nicht statt.

5. Sobald der Bauer die gegnerische Grundreihe erreicht, darf er zwar nicht geschlagen werden, sich aber auch noch nicht umwandeln! Dieser Bauer erhält die Möglichkeit, mit drei  Doppelschritten rückwärts, genannt „Freudensprünge“, in eine beliebige Figur der gleichen  Farbe umgewandelt zu werden (außer König). Dabei darf sich auf der Linie des Umwandlungsbauern keine andere Figur befinden. Während der Sprünge darf der Bauer keine andere Figur schlagen, kann jedoch geschlagen werden. Diese Sprünge müssen nicht sofort und nicht unmittelbar nacheinander durchgeführt werden, einen günstigen Zeitpunkt der Durchführung wählt der Spieler. Der Umwandlungsbauer sollte sinnvollerweise  gekennzeichnet werden. Erst mit Erreichen der Ausgangsreihe muss der Bauer sofort in eine andere Figur umgewandelt werden. 



 

Die Kinder spielen hier in den neuen Bauernkostümen.


                 

Wertigkeit der Figuren:

 Ströbecker Kurierschach - Figurensatz



König Mann Königin Schleich Kurier Ross Alte Roch Bauer

Die Figuren stammen aus dem 3D- Drucker und gehören zum Schachbrett, welches zukünftig als Gewinn beim Kampf um Bretter und Steine entgegen genommen werden kann. 




Vergleich des heute üblichen Schachspiels mit dem Kurierschachspiel


Hinweis auf die Gebräuchlichkeit dieses Spieles ist auch das Geschenkschachbrett des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1651) an das Dorf Ströbeck, auf dessen Rückseite ein Kurierfeld eingearbeitet ist. Dieses war im Ausstellungsraum des Schachmuseums zur Ströbecker Geschichte bis zum Brand zu sehen und kann hoffentlich bald im neuen Museum besichtigt werden. (zur Spendenaktion des Schachvereins für den Wiederaufbau bzw. ein neues Schachmuseum in Ströbeck)



Das Kurfürstenbrett von 1651

war vor dem Brand 

das wertvollste Ausstellungsstück 

des Ströbecker Schachmuseums. 

Der daneben stehende Schleich

ist eine Figur aus dem 

Kurierschach -.Spiel. 

Das Kostüm wurde von 

Ströbecker Frauen genäht.

Das Foto entstand vor dem 

furchtbaren Dachstuhlbrand 

(14.11.2019) im Schachmuseum.



Seit 2018 hat sich der Schachverein Ströbeck einem neuen Projekt verschrieben. Bis Ende 2020 sollte das Kurierschach wiederbelebt werden. (Leider hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht, so dass die Präsentation des Ergebnisses bisher nicht möglich war.)

Ausschnitt aus dem Zeitungsartickel vom 23.12.2018 von Jörg Endries: :"Schachdorf   Ströbeck:  Ziel des geförderten Projektes „Kurierschach“ ist die Ausstattung des Lebendschachensembles Ströbeck mit neuen Kostümen und einer variablen Schachplane für öffentliche Aufführungen. Ortsbürgermeister Jens Müller (SPD) lud in dieser Woche alle Interessierten zu einer ­Anlaufberatung ins Bürgerhaus ein, um wichtige Weichen zu stellen. Die Zielvorgabe ist eindeutig: Premiere soll anlässlich des Schachfestes 2020 sein. „Das Kurierschach wollen wir als Teil der Traditionspflege wieder zum Leben erwecken“, betonte Jens Müller. Bis es soweit ist, liegt vor den Ströbeckern noch immens viel Arbeit. Fünf Arbeitsgruppen (Schachplane, Kostüme, Didaktik, Holz und Technik), die am Mittwochabend ins Leben gerufen wurden, kümmern sich da­rum. „Wir sind auf helfende Hände und natürlich auch gute Ideen angewiesen. Wer sich nicht scheut, mit anzupacken, ist herzlich willkommen, aber auch Bürgerinnen und Bürger, die sich für unsere Aktivitäten interessieren und sich über das Projekt informieren wollen, sind gerne gesehen.


Allerdings ist mit ehrenamtlichem Engagement nicht alles zu leisten. Daher war die Freude im Schachdorf riesig, als das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft Unterstützung zusagte. Im November 2018 erhielt der Verein einen Zuwendungsbescheid über 29 000 Euro Fördermittel."


Das Geld wurde vor allem für die neuen Kostüme des Lebendschachensembles, für eine neue variable Schachplane für öffentliche Auftritte und eine neue Beschallungsanlage benötigt. Der Mehraufwand wurde notwendig, weil das Kurierschachbrett mit 96 Feldern größer ist als das bekannte Schachbrett und wird daher von 48 statt 32 Figuren bespielt.

Die Ausschreibung für die neuen Kostüme ist nicht so prickelnd verlaufen. Sechs Angebote hatte es gegeben, von denen ein ernst gemeintes übrig geblieben ist. Den Zuschlag erhielt Designerin Carmen Wilke. 

Am 19.12.2018 fand die Anlaufberatung zur Projektförderung „Kurierschach“ des Schachvereins in Schachdorf statt. 

Auf dem Foto steht Carmen Willke mit dem inzwischen fertig gestellten Kostüm des Schleichs vor dem Eingang zum Schachturm.


Die Arbeit wurde auf fünf Arbeitsgruppen verteilt:

  • Projektleitung
  • Schachplane 
  • Kostüme 
  • Holz
  • Technik 
  • und Didaktik 

Nun konnte die Arbeit beginnen.

Carmen Willke stellte bereits zur Anlaufberatung ihre Entwürfe für die Kostüme vor und alle waren sich einig: „Die sehen toll aus.“

Carmen wirkte einst selbst im  Lebendschachensemble mit. Später studierte Sie Modedesign in Schneeberg und kehrte mit dem Abschluss  Master of Arts Fashiondesign zurück. Sie war verantwortlich für die Recherche der historischen Kostüme, den Entwurf, die Schnittgestaltung, die nähtechnische Umsetzung und die Betreuung des Ströbecker Schneiderteams sowie die Aufnahme der Präsentationsfotos für die Kurierschachbroschüre.

In den kommenden Wochen wurde in Ströbeck die Schneiderwerkstatt eingerichtet. Sie zog in die ehemaligen Räume der Volksbank am Schachplatz ein. Bis dort die Arbeit beginnen konnte, ­mussten die Räume erst einmal vernünftig hergerichtet werden. 

Aufwendige Forschungen lagen vor den Mitgliedern der Arbeitsgruppe „Didaktik“. Die Spielregeln des Kurierschachs mussten recherchiert werden. Am Ende sollte ein Konzept stehen, das sowohl Regelwerk als auch Beispielpartien und Unterrichtsmethoden enthält. 

Weiter auf der Agenda standen die Beschaffung von Muster Brettern und Figuren, damit das Kurierschach verbreitet werden kann. Es soll Teil der Traditionspflege im Schachdorf Ströbeck werden.

Der größte Kraftakt war jedoch das Nähen der Kostüme. 50 nagelneue Kostüme werden benötigt für das Kurierschachspiel. Um Kosten zu sparen wurden diese in mühseliger Handarbeit angefertigt.

Impressionen von der Arbeit in verschiedenen Gruppen

Holzbearbeitung




Jedes Kurier-Schachbrett entsteht in Handarbeit.


Hier entsteht eine von zwei Schautafeln.

Die Tafeln sollen später zu Lehrzwecken eingesetzt werden.


Eine einfach zu bedienende Anlage mit Musik Zuspielmöglichkeit per Bluetooth oder kabelgebunden wurde angeschafft um eine gute Beschallung der Darbietungen des  Lebenschachensembles zu ermöglichen.

Die  Schachfiguren wurden von David Willke kreiert und für den neu angeschafften 3D- Drucker programmiert,

Die neue Schachplane hat uns vor Probleme gestellt. Da das Schwarze Feld immer unten rechts sein muss, konnte nicht einfach eine weiter Plane angestückelt werden. 

Die neue Plane ist  11x8m groß und besteht aus fünf Teilen.

Gruppe Kostüme






Zuschneiden, nähen, bügeln... nicht immer gelingt gleich alles beim ersten Versuch, schließlich sind hier keine ausgebildeten Schneider am Werk.



In unzähligen Stunden entstehen die tollen Kostüme.


Gruppe Didaktik




Studium der Spielregeln des Ströbecker Kurierschachs von Gustavus Selenus im Nachdruck des ersten deutschsprachigen Schachlehrbuchs, das im Jahr 1616 erschien. "Das Schach oder König Spiel" in Altdeutscher Schrift.


Erstellung einer Regelbroschüre.



Entwicklung einer Musterpartie für das Lebendschachensemble.



Endstellung der Musterpartie.

Die Regel-Broschüre inclusive einer Show Partie befindet sich bereits in Druck. Außerdem versuchen wir das Ströbecker Kurierschach auf unserer Homepage spielbar zu machen. 

Kurierschach, wie es anderswo üblich war können Sie bereits jetzt hier spielen.